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Seit Generationen ist die Klette (Arctium lappa L.) vor allem als „reinigende“ Pflanze bekannt, die traditionell verwendet wird, um das Wohlbefinden der Haut zu fördern und die physiologischen Ausscheidungsprozesse des Körpers zu unterstützen.

Heute ermöglicht es uns die wissenschaftliche Forschung, diese Pflanze aus einer völlig neuen Perspektive zu betrachten.

Im Zentrum des Interesses steht nicht mehr nur das generische Konzept der „Reinigung“, sondern ein viel komplexeres Netzwerk, das Darm, Mikrobiom, Stoffwechsel, Entzündungsprozesse und die Haut umfasst.

Und genau diese Vernetzung macht die Klette im Rahmen eines integrierten Gesundheitsansatzes besonders interessant.

Eine Wurzel, die viel komplexer ist, als sie scheint

Der in der westlichen Phytotherapie am häufigsten verwendete Teil der Klette ist die Wurzel.

In ihr finden wir zahlreiche bioaktive Substanzen, darunter:

  • Inulin und andere Fruktane;
  • Polysaccharide;
  • Chlorogensäure;
  • Kaffeesäurederivate;
  • polyphenolische Verbindungen;
  • Pektine;
  • Flavonoide.

Es ist also nicht ein einzelner Wirkstoff, der das Interesse an dieser Pflanze erklärt.

Vielmehr ist es die Gesamtheit ihrer Bestandteile, die auf eine mögliche Rolle innerhalb jener komplexen Beziehung hindeutet, die Ernährung, Darmflora und die Reaktion des Organismus verbindet.

Der Ausgangspunkt könnte der Darm sein

Einer der interessantesten Aspekte der Klette ist ihr Gehalt an Inulin, einem löslichen Ballaststoff, der zur Familie der Fruktane gehört.

Inulin wird normalerweise im Dünndarm nicht verdaut.

Es setzt seinen Weg in den Dickdarm fort, wo es zu einem Substrat für bestimmte Mikroorganismen werden kann, die das Darmmikrobiom bilden.

Aus diesem Grund gilt es als präbiotischer Ballaststoff.

Mit anderen Worten: Anstatt direkt neue Bakterien zuzuführen, wie es bei einigen Probiotika der Fall ist, tragen Präbiotika dazu bei, ein günstiges Nährstoffumfeld für bestimmte, bereits im Darm vorhandene Populationen zu schaffen.

Die Klette scheint jedoch mehr zu sein als nur eine einfache natürliche Inulinquelle.

Klette und Mikrobiom: Warum die ganze Wurzel interessant ist

Einige experimentelle Studien haben die Wirkung der Klettenwurzel mit der von isoliertem Inulin verglichen.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die ganze Wurzel das Mikrobiom durch die kombinierte Wirkung von Fruktanen, Polyphenolen, Pektinen und anderen Pflanzenstoffen beeinflussen kann.

Das ist ein wichtiges Konzept.

In der Natur besteht eine Pflanze nämlich nicht aus einem einzigen Wirkstoff.

Ihre Moleküle koexistieren in einer komplexen Matrix und können miteinander sowie mit unserem intestinalen Ökosystem interagieren.

Neuere Forschungen haben Veränderungen der mikrobiellen Vielfalt und der Bakterienpopulationen beobachtet, die mit der Produktion kurzkettiger Fettsäuren (SCFA) verbunden sind.

Dazu gehören Acetat, Propionat und Butyrat: Stoffwechselprodukte, die durch die Fermentation von Ballaststoffen entstehen und wegen ihrer Rolle im Darmmilieu immer intensiver erforscht werden.

Mikrobiom und SCFA: kleine Metaboliten, große Verbindungen

SCFAs stellen eines der interessantesten Beispiele dafür dar, wie Ernährung und Mikrobiom mit unserem Körper kommunizieren können.

Diese Substanzen sind an der Aufrechterhaltung des Darmmilieus beteiligt und in verschiedene biologische Prozesse eingebunden, die mit der Darmbarriere, dem Stoffwechsel und der Regulierung der Immunantwort zusammenhängen.

Die Forschung zur Klette verlagert daher den Fokus:

von der Pflanze, die „Toxine ausscheidet“, hin zur Pflanze, die dazu beitragen kann, das intestinale Ökosystem zu nähren.

Das ist ein wichtiger Perspektivenwechsel.

Denn wenn der Darm zahlreiche Systeme des Körpers beeinflusst, kann die Unterstützung seines Gleichgewichts weitreichendere Folgen haben als nur eine gute Verdauung.

Vom Darm zum Stoffwechsel

Das Mikrobiom ist auch an der Umwandlung von Nährstoffen und der Produktion von Metaboliten beteiligt, die mit unserem Stoffwechsel interagieren können.

Aus diesem Grund wurde die Klette in den letzten Jahren auch in Bezug auf Folgendes untersucht:

  • Fettstoffwechsel;
  • Glukosestoffwechsel;
  • Insulinsensitivität;
  • oxidativen Stress;
  • entzündliche Prozesse.

Polysaccharide und Polyphenole der Wurzel haben vor allem in experimentellen Studien interessante Ergebnisse gezeigt.

In Tiermodellen mit fettreicher Ernährung veränderten bestimmte Klettenextrakte das Darmmikrobiom, vermehrten Mikroorganismen, die mit der SCFA-Produktion in Verbindung stehen, und verbesserten einige Stoffwechselparameter.

Diese Daten bedeuten nicht, dass die Klette eine Behandlung für Diabetes, Fettleibigkeit oder Fettstoffwechselstörungen ist.

Sie weisen jedoch in eine sehr interessante Forschungsrichtung: Darm und Stoffwechsel sind keine zwei getrennten Systeme.

Klette und Entzündung: das zweite große Forschungsgebiet

Ein weiterer Bereich, der viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, betrifft die entzündungshemmende und antioxidative Aktivität der Inhaltsstoffe der Klette.

Polyphenole, Polysaccharide und bestimmte Lignane, die in verschiedenen Teilen der Pflanze vorkommen, werden auf ihre Fähigkeit hin untersucht, mit biologischen Signalwegen zu interagieren, die an der Entzündungsantwort beteiligt sind.

Dies könnte helfen, wissenschaftlich zu verstehen, warum die Klette traditionell bei sehr unterschiedlichen Beschwerden eingesetzt wurde.

Auch hier geht es nicht darum, sich die Pflanze als Medikament vorzustellen, das in der Lage ist, „Entzündungen auszuschalten“.

Es geht darum zu verstehen, wie sich einige ihrer Bestandteile in die physiologischen Regulationsmechanismen des Körpers einfügen können.

Vom Darm zur Haut: eine immer intensiver erforschte Verbindung

Und hier kommen wir zu der Eigenschaft, für die die Klette in der westlichen Tradition wahrscheinlich am bekanntesten ist: das Wohlbefinden der Haut.

Lange Zeit sprach man ganz allgemein von einer Pflanze, die in der Lage sei, „das Blut zu reinigen“ und in der Folge das Hautbild zu verbessern.

Heute können wir diese Tradition aus einer anderen Perspektive interpretieren.

Darm, Immunsystem, Stoffwechsel und Haut kommunizieren miteinander.

Das ist das Prinzip hinter dem wachsenden wissenschaftlichen Interesse an der sogenannten Darm-Haut-Achse (Gut-Skin Axis).

Veränderungen des Darmmilieus können mit Veränderungen der Immun- und Entzündungsantwort des Körpers einhergehen, während Ernährung, Stress und Stoffwechsel gleichzeitig Darm und Haut beeinflussen können.

Das bedeutet nicht, dass jedes dermatologische Problem im Darm entsteht.

Es bedeutet jedoch, dass die Haut nicht zwangsläufig als isoliertes Organ betrachtet werden darf.

Eine Tradition, die die Forschung zu erklären versucht

Es ist interessant festzustellen, dass die Verwendung der Klettenwurzel für bestimmte Hautbeschwerden keine Erfindung von heute ist.

Die Klette hat eine lange phytotherapeutische Tradition, und ihre Verwendung für das Wohlbefinden der Haut ist auch in der europäischen Kräutertradition anerkannt.

Die zeitgenössische Forschung untersucht Arctium lappa und einige seiner Bestandteile in Bezug auf verschiedene Immun- und Entzündungsmechanismen, die an der Hautphysiologie beteiligt sind.

Die klinische Evidenz ist noch begrenzt und erlaubt es nicht, die Klette als Therapie für Hautkrankheiten zu betrachten.

Aber was sich abzeichnet, ist besonders interessant:

Eine Tradition, die Jahrhunderte vor der Entdeckung des Mikrobioms entstand, könnte heute durch die Beziehung zwischen Darm, Immunität, Entzündung und Haut neue Interpretationsansätze finden.

Nicht mehr „Detox“, sondern Gleichgewicht

Von der Klette einfach nur als „Detox“-Pflanze zu sprechen, greift daher zu kurz.

Unser Körper verfügt bereits über äußerst komplexe Systeme zur Verstoffwechselung und Ausscheidung von Abfallstoffen über Leber, Nieren, Darm, Lunge und Haut.

Man darf sich die Klette nicht als etwas vorstellen, das das Blut „wäscht“ oder „reinigt“.

Die moderne Perspektive ist viel interessanter.

Wir können sie als eine Pflanze betrachten, die präbiotische Ballaststoffe und zahlreiche bioaktive Verbindungen enthält, welche mit einigen jener Systeme interagieren können, die an der Aufrechterhaltung des körperlichen Gleichgewichts beteiligt sind.

Eine integrierte Vision der Klette

Die Forschung zur Klette macht auch ein allgemeineres Prinzip der integrierten Gesundheit deutlich.

Eine Störung betrifft nicht immer nur ein einziges Organ.

Die Haut kann mit dem Darm im Dialog stehen.

Der Darm kann den Stoffwechsel beeinflussen.

Das Mikrobiom interagiert mit dem Immunsystem.

Der Stoffwechsel und die Immunantwort können wiederum entzündliche Prozesse beeinflussen.

Die Klette befindet sich genau im Zentrum dieses Netzwerks:

DARM → MIKROBIOM → STOFFWECHSEL → ENTZÜNDUNG → HAUT

Nicht, weil sie allein all diese Systeme steuern könnte, sondern weil ihre Zusammensetzung es besonders interessant macht, ihre Interaktion mit ihnen zu untersuchen.

Fazit

Die Klette ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie eine seit Jahrhunderten genutzte Pflanze durch die Werkzeuge der modernen Wissenschaft neu interpretiert werden kann.

Die Tradition bezeichnete sie als „reinigend“.

Heute erlaubt uns die Forschung, eine präzisere und vielleicht noch faszinierendere Sprache zu verwenden.

Die Wurzel von Arctium lappa enthält Inulin, Fruktane, Polysaccharide und Polyphenole, die in der Lage sind, mit dem Darmmilieu zu interagieren, und die wegen ihrer Beziehungen zu Mikrobiom, Stoffwechsel und Entzündungsprozessen auf wachsendes Interesse stoßen.

Kein Wundermittel und kein einfaches „Detox-Kraut“.

Sondern eine komplexe Pflanze, die uns an ein grundlegendes Prinzip erinnert: Gesundheit entsteht nicht durch isolierte Organe, sondern durch das Gleichgewicht und die kontinuierliche Kommunikation zwischen den verschiedenen Systemen unseres Körpers.